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Hirntumorambulanz Gemeinsam für die Patientinnen und Patienten

Seit einem Jahr ist die interdisziplinäre Hirntumorambulanz am Landesklinikum St. Pölten implementiert. Das Besondere daran: Neurochirurgen und Neurologen kooperieren fächerübergreifend mit dem Ziel, die Betreuungs- und Organisationsqualität und somit den Nutzen für die betroffenen Patientinnen und Patienten zu erhöhen.


(v.l.) OA Dr. Franz Marhold, Neurochirurg am Landesklinikum St. Pölten, und Prim. Priv.-Doz. Dr. Stefan Oberndorfer, Leiter der Abteilung für Neurologie am Landesklinikum St. Pölten, bei ihrer Arbeit in der Hirntumorambulanz

Beim Erwachsenen gibt es über 100 verschiedene Gehirntumore, wobei jeder von der Biologie, von der Diagnostik und vom Verlauf her unterschiedlich ist. Der häufigste Hirntumor beim Erwachsenen ist zugleich der bösartigste, das Glioblastom. In Österreich beträgt die Erkrankungsrate ungefähr 400 – 450 Patientinnen und Patienten pro Jahr.  

Gemäß Prim. Priv.-Doz. Dr. Stefan Oberndorfer, Leiter der Abteilung für Neurologie am Landesklinikum St. Pölten, gibt es weder Frühwarnzeichen, noch kann präventiv etwas gegen diesen Tumor unternommen werden. Eine familiäre Häufung ist jedoch beim Glioblastom zu beobachten. Die häufigsten Symptome beim Glioblastom sind je nach Lokalisation, Lähmungen, Persönlichkeitsveränderungen, neuropsychologische Defizite wie Verlangsamung oder auch Kopfschmerzen. Die Zeitspanne vom Auftreten der Symptome bis zur Diagnose beträgt wenige Wochen.  

„Gerade bei diesen schnell wachsenden Tumoren ist eine besonders akkurate Diagnostik und Therapieentscheidung wichtig, weil sonst wertvolle Zeit verloren ginge“, so Prim. Oberndorfer. 

„Da das Glioblastom infiltrativ wächst, ist es sehr schwierig bis unmöglich eine Grenze zwischen Tumor und gesundem Gehirngewebe zu finden. Daher muss davon ausgegangen werden, dass auch bei einer intraoperativ „vollständigen“ Resektion Tumorzellen zurückbleiben. Aus diesem Grund und wegen der hohen Aggressivität der Tumorzellen müssen diese Tumore unbedingt mittels Strahlentherapie und Chemotherapie möglichst rasch weiterbehandelt werden“, erklärt Oberarzt Dr. Franz Marhold, Neurochirurg am Landesklinikum St. Pölten. 

Bei der Diagnose und der Therapie eines Gehirntumors sind viele Fachdisziplinen vertreten: Neuropathologen, Radiologen, Nuklearmediziner, Neurochirurgen, Neurologen, Onkologen, Strahlentherapeuten und Palliativmediziner. Eine gute interdisziplinäre fächerübergreifende Zusammenarbeit ist für eine qualitativ hochwertige Versorgung von Patienten mit Hirntumoren, wie dem Glioblastom, somit Voraussetzung. Im wöchentlich stattfindenden Tumorboard besprechen und beraten sich die Fachdisziplinen untereinander. Da sich die Experten für Strahlenmedizin im Landesklinikum Krems befinden, wird mittels telemedizinischer Übertragung eine Videokonferenzschaltung hergestellt. Auch andere Abteilungen, wie dzt. bereits implementiert die Neurologie im Landesklinikum Tulln, können telemedizinisch an der Tumorboardsitzung teilnehmen. 

In der Hirntumorambulanz besprechen der Neurologe und der Neurochirurg gemeinsam mit dem Patienten und den Angehörigen die diagnostischen und therapeutischen Ergebnisse und planen die weiteren Schritte. Diese Gespräche, meist im Beisein von Familienangehörigen, sind durchaus zeitintensiv und sollen mit Einfühlungsvermögen durchgeführt werden.  

Mit der Hirntumorambulanz finden die Patientinnen und Patienten eine Anlaufstelle, bei der alle Informationen von allen Fachdisziplinen zusammenlaufen und koordiniert werden können. In die Ambulanz, die jeden Mittwoch vormittags stattfindet, kommen Patientinnen und Patienten aus ganz Niederösterreich. Die Patientinnen und Patienten suchen die Ambulanz präoperativ zur OP Planung auf, unmittelbar postoperativ (nach ca. 2 Wochen) zur Gewebebefundbesprechung sowie weiteren Therapieplanung und weiters in regelmäßigen Abständen entweder mehrmals im Jahr oder einmal jährlich - je nach Tumortyp. 

Der Neurochirurg OA Dr. Marhold merkt an, dass sich in den letzten 15 Jahren die chirurgischen Techniken stark weiterentwickelt haben. Hirntumoroperationen werden in einem multimodalen Setting durchgeführt (Neuronavigation, funktionelle MRT, MR Spektroskopie, PET, fiber tracking, fluoreszenzgestützte Resektion mittels 5 ALA, Neurostimulation). Ziel ist eine möglichst radikale, aber sichere Resektion bei vollständigem Funktionserhalt. Im Idealfall kann der Patient bereits nach wenigen Tagen das Krankenhaus verlassen. 

Neuroonkologische Erkrankungen sind komplex und erfordern interdisziplinäre, multiprofessionelle Zusammenarbeit in einem Zentrum, wobei die Weiterbehandlung durchaus wohnortnahe durchgeführt werden kann. 

Bei einer bösartigen Erkrankung wie dem Glioblastom spricht Prim. Oberndorfer bereits bei der Diagnose von einem palliativen Ansatz: „Es geht nicht um Lebensverlängerung um jeden Preis. Ziel ist, dass der Mensch seine verbleibende Zeit mit einer guten Lebensqualität verbringen kann.“ In dieser belastenden Lebenssituation wird auf Wunsch das Palliativteam des Landesklinikums St. Pölten miteingebunden. Im Sinne der interdisziplinären Zusammenarbeit stehen Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal und eine Sozialarbeiterin beratend und unterstützend zur Seite.