Gemeinsam mit allen Rettern üben
Angehende Notärzte müssen praxisnah auf ihre Aufgaben vorbereitet werden, erklärten die Experten bei „Im Dialog“. Der neue leitende Notarzt der NÖ Landeskliniken-Holding, selbst regelmäßig im Dienst, arbeitet daran.
23 der 35 Notarzt-Stützpunkte in Niederösterreich befinden sich in einem Landesklinikum. Mit Dr. Martin Bayer hat die NÖ Landeskliniken-
Holding einen erfahrenen Notarzt engagiert, der die Ausbildung auf neue Beine stellt. GESUND+LEBEN INTERN lud Vertreter der
Feuerwehr, der Rettung und der Leitstelle 144 Notruf NÖ zu „Im Dialog“ in die NÖ Landeskliniken-Holding.
Dr. Robert Griessner, Medizinischer Geschäftsführer der NÖ Landeskliniken-Holding: Es ist für die NÖ Landeskliniken-Holding enorm wichtig, das Berufsbild Notarzt attraktiver zu machen und die berufliche Perspektive zu verbessern. Wir wollen die Ausbildung so gestalten, dass unsere Notärzte mit dem guten Gefühl ausrücken, bewältigen zu können, womit sie konfrontiert werden. Denn die Situation bei einem Notfall ist oft viel unübersichtlicher und damit anspruchsvoller als in der Notaufnahme. Zur Ausbildung gehört daher für uns auch die Zusammenarbeit mit Feuerwehr, Polizei, den Rettungsorganisationen Rotes Kreuz und Arbeitersamariterbund sowie den Bezirkshauptmannschaften. Es geht darum, dass unsere Notärzte in besonderen Situationen wissen, was zu tun ist – bei Geiselnahmen oder anderen gefährlichen Einsätzen.
Dr. Martin Bayer, Bereichsleiter Kompetenzbereich Notarztwesen, NÖ Landeskliniken-Holding: Ein Notarzt-Einsatz besteht zu 25 Prozent aus medizinischem Wissen und zu 75 Prozent aus nicht-medizinischem Wissen – und das lernt kein Notarzt in der Ausbildung: Wie gehe ich gemeinsam mit der Feuerwehr vor, die ja bei vielen Einsätzen dabei ist? Wie agiere ich bei einer technischen Rettung? Wie laufen die
Entscheidungen ab? Wann kann ich den Verunglückten versorgen und wann muss erst die Feuerwehr ran? Wechseln wir uns da ab oder müssen sie zuerst den Verletzten bergen? Da ist kein Fall wie der andere, und man muss intensiv kooperieren. Einiges kann man in Simulationen üben, und das soll in der Holding praxisnah geschehen.
Stefan Spielbichler, Öffentlichkeitsarbeit 144 Notruf NÖ: Notärzte müssen wissen, was 144 Notruf NÖ für sie tun kann und wie sie unsere Informationen und unsere Systeme besser nutzen können. Wir arbeiten da mit neuen technischen Möglichkeiten. Derzeit probieren wir zum Beispiel aus, den Notarzthubschrauberpiloten eine Luftaufnahme vom Einsatzort zu überspielen, auch wenn die nicht mehr ganz neu ist – damit sie schon während des Anflugs überlegen können, wo sie landen könnten. Wir sind ein Dienstleister, unser Ziel ist, mit neuen potenten Medien den Einsatz vor Ort zu beschleunigen. Das müssen unsere Partner aber auch alles
kennen, auch die Notärzte.
Armin Blutsch, stellvertretender Landesfeuerwehrkommandant NÖ: Die Erfahrung aus meinen zahllosen Einsätzen hat mir gezeigt, dass in der Praxis wirklich jeder Einsatz anders ist, auch wenn wir immer nach dem gleichen Schema vorgehen. Wichtig aus unserer Sicht ist, dass alle Einsatzkräfte wissen, wie in den anderen Organisationen die Hierarchie ist und wer vor Ort die Ansprechpartner sind. Dazu brauchen wir gemeinsame Übungen und einen Austausch untereinander. Oder auch den genauen Ablauf: Kann ich das Auto, das am Dach liegt, nach Lehrbuch absichern oder ist es so zeitkritisch, dass ich eine schnelle Zwischenlösung suche, den Notarzt schnell dran lasse und dann weitertue. Dafür muss die Kommunikation passen.
Dr. Christoph Rötzer, Notärzte-Koordinator Rotes Kreuz NÖ: Das gemeinsame Trainieren ist enorm wichtig, denn es gibt immer noch eine Menge Missverständnisse. Jeder muss wissen, wer der Ansprechpartner, der Zuständige ist, und was der andere leisten kann – und zwar vor Ort, das ist entscheidend. Zum Beispiel: Was bedeutet es, mit einer Bergeschere zu arbeiten oder mit Atemschutz wo durchrobben zu müssen – das sind 16 kg Ausrüstung und eine dicke Jacke. Ich habe das in der Weiterbildung alles ausprobiert, damit ich die Kollegen von der
Feuerwehr verstehen und ihre Belastungen besser einschätzen kann, damit ich weiß, was geht und was ich erwarten kann – und was nicht. Wir wollen keine Helfer zu Opfern machen. Frontale Refresherkurse sind gut, aber wirklich zu wissen, wie sich das anfühlt, das ist ein wichtiger Aspekt für meine Arbeit als leitender Notarzt.
LH-Stv. Mag. Wolfgang Sobotka: Großschäden sind Ereignisse, die man speziell trainieren muss. Sie sind eine riesige Herausforderung, und die Logistik ist entscheidend. Das Wichtigste, das haben wir auch beim Hochwasser gesehen, ist, dass die Einsatzkräfte miteinander reden können, eine gute Gesprächsbasis haben, auch wenn sie aus unterschiedlichen Einsatzorganisationen kommen. Da brauchen wir Übungen und Planspiele.
Bayer: Unsere Notärzte müssen bei Großschäden wissen, wie sie richtig rückmelden, was die Leitstelle organisieren soll. Sie sind die Augen der Leitstelle vor Ort und müssen klar und präzise formulieren, was nötig ist. Wie viele Rettungskräfte braucht man? Welche Ressourcen müssen die Kliniken bereitstellen? Soll das Team vom OP zum Beispiel noch im Klinikum warten, weil gleich so und so viele Verletzte eingeliefert werden? Auch dieses Einschätzen und Melden muss man üben.
Blutsch: Es geht auch um die Aktionsräume, die jeder für seine Arbeit braucht, damit sich die einzelnen Organisationen nicht gegenseitig behindern. Meist hat man es bei einem Unfall ja mit einem bis zwei Fahrzeugen zu tun. Wenn aber ein Massenunfall passiert, muss man genau wissen, wie die Rettungskräfte ihre Fahrzeuge abstellen, damit sie sich nicht gegenseitig blockieren. Das muss ab dem ersten Fahrzeug stimmen, denn was man am Anfang falsch macht, das lässt sich später kaum mehr korrigieren.
Rötzer: Da ist es besser, Verletzte werden 100 m getragen, als dass das Auto ganz heranfährt und dann kaum wenden kann – das dauert dann viel länger. Oder man stellt die einzelnen Retter auf Abruf auf, und direkt zum Geschehen kommen nur die, die gerade gebraucht werden. Auch so was müssen Notärzte kennen und mitüben, damit sie richtig damit umgehen.
Blutsch: Die gemeinsame und gegenseitige Ausbildung ist ungeheuer wichtig, und das funktioniert auch gut, weil wir bei der Feuerwehr auch viele Sanitäter haben, oder die Rettung hat auch Feuerwehrleute – das ist dann in der Praxis sehr hilfreich für Kommunikation und Verständnis.
Griessner: Wir sollten da auch das Bundesheer einbeziehen und auch die Behördenvertreter – es ist wichtig, dass alle Beteiligten wissen, wie sie einander im Ernstfall unterstützen und nicht behindern.
Bayer: Gemeinsame Übungen müssen wir als eine Art der anrechenbaren Fortbildung anerkennen, dann haben wir bei den Übungen auch Notärzte dabei, und das ist wichtig – auch wenn es schwer ist, das zu organisieren.
Was mir noch sehr wichtig wäre: Erste Hilfe sollte schon in der Volksschule unterrichtet werden, und dann aufbauend auch in den weiteren Schulstufen. Denn die richtige Erste Hilfe durch Laien ist überlebenswichtig, so schnell die Retter auch vor Ort sind, die Ersthelfer sind durch nichts zu ersetzen.
Sobotka: Erste Hilfe sollte ein durchgehendes Unterrichtsprinzip sein, ein Teil der Gesundheitserziehung. Da brauchen wir ein Curriculum, da müssen wir den Kontakt zum Landesschulrat suchen. Vielleicht motiviert das ja auch junge Menschen, im Rettungsdienst zu arbeiten oder Medizin zu studieren.
Fotos: Felicitas Matern
Notarzt-Versorgung in Niederösterreich
Wer als Notarzt arbeiten will, muss zumindest Medizin studiert und den Turnus absolviert haben. In NÖ gibt es 32 Notarzt-Stützpunkte – und 3 Hubschrauberstandorte –, von denen 28 rund um die Uhr und die restlichen 4 nur in der Nacht besetzt sind. 23 dieser Stützpunkte befinden sich in NÖ Landeskliniken, dort zum Großteil in den Abteilungen für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Die restlichen 5 und nachts 9 Stützpunkte betreiben das Rote Kreuz und der Samariterbund. Rund 130 Mediziner aus den Landeskliniken arbeiten derzeit im Notarzt-Dienst. Sie bewältigten im Vorjahr fast 37.000 Notarzt-Einsätze, davon über 16.000 bei Nacht. Bei über 3.000 Notarzt-Einsätzen rückte der Rettungshubschrauber aus.
Notärzte-Ausbildung NEU: Innerhalb der Holding dürfen angehende Notärzte, so sie im eigenen Haus als Sekundararzt oder in der Facharztausbildung zu wenig Praxis in der Notfallversorgung erwerben können, in anderen Häusern und Abteilungen hospitieren. Zur Ausbildung gehört künftig eine Checkliste, damit abgesichert ist, dass alle wichtigen möglichen Szenarien geübt wurden – vom Schlaganfall bis zum Polytrauma. Die Rettung von Babys und Kleinkindern und andere besonders herausfordernde Situationen üben die Jungärzte zum Beispiel im Simulatortrainingszentrum im Landesklinikum Hochegg – und zwar im Team, damit im Einsatz jeder weiß, was er beitragen muss und wie das abläuft. Polizei, Feuerwehr und 144 Notruf NÖ werden in die Ausbildung eingebunden – es geht um das Kennenlernen der Einsatzprioritäten und damit um optimale Kooperation. Ab Oktober werden zweimal pro Jahr Refresherkurse angeboten, die für neue Notärzte
verpflichtend sind, alle bereits aktiven werden eingeladen. Im Herbst startet eine Info-Kampagne für Turnusärzte.
Fit für den Notfall
Dr. Martin Bayer überarbeitet in der Holding-Zentrale die gesamte Notarztversorgung für NÖ.
Für die Fußball-EM 2008 war er Ärztlicher Leiter für die Spiele in den Wiener Stadien, nun plant, strukturiert und verbessert der erfahrene Organisator die Notarzt-Versorgung in Niederösterreich, stellt die Ausbildung auf praxisnähere Beine und kümmert sich um Schnittstellen- und Qualitätsmanagement. Bayer, Anästhesist und Notarzt aus Leidenschaft, arbeitet seit vier Monaten für die NÖ Landeskliniken-Holding. In der Abteilung für Medizinische und Pflegerische Betriebsunterstützung ist er Bereichsleiter für den Kompetenzbereich Notarztwesen.
Der 52-Jährige ist die Ruhe selbst. Immer? „Nein“, sagt er bescheiden, „auch mit noch so viel Erfahrung gibt es immer noch Situationen bei Einsätzen, in denen ich ins Schwitzen komme.“ Seit 1988 übernimmt er regelmäßig Nacht- und Wochenenddienste beim Roten Kreuz in Gänserndorf und Retz. Dabei gehört er zu den fundiertesten und erfahrensten Ausbildnern für Notärzte in Österreich, war jahrelang bei der Ärzteflugambulanz und kennt so ziemlich alles, was man in diesem Beruf erleben kann. „Durch die regelmäßige Arbeit im Notarztwagen weiß ich sehr genau, was draußen los ist. Dieses Wissen brauche ich hier jeden Tag.“
Was hat ihn dazu gebracht, Arzt zu werden? Sein Vater war Internist – und hätte seinen Sohn auch gerne als Internisten gesehen. Vor allem prägend war aber der Religionslehrer in der Oberstufe des Gymnasiums, der statt über Ethik und Moral viel lieber handfest über Erste Hilfe geredet hat. So arbeitet Bayer bereits seit dem 17. Lebensjahr freiwillig beim Roten Kreuz und entschied sich nach Studium und Turnus für die Anästhesie, „weil sie am meisten mit Notfallmedizin zu tun hat“.
Vor der NÖ Landeskliniken-Holding war er bei den Barm-
herzigen Brüdern in Wien.
Was motiviert den zweifachen Vater erwachsener Kinder und begeisterten Krimi-Leser dazu, sich immer noch dem Stress der Notfalleinsätze zu unterziehen? „Weil ich es gern mache. Und weil es nach fast 30 Jahren schon eine ziemlich große Zahl an Menschen gibt, die durch meine schnelle Hilfe eine bessere Lebensqualität haben – oder deren Leben ich retten konnte.“
Martin Gessl, BSc, Kompetenzbereich Notarztwesen
Medizinische und pflegerische Betriebsunterstützung
Martin Gessl arbeitete schon als HTL-Schüler bei der Rettung, absolvierte dort während des Zivildienstes beim Roten Kreuz die Notfallsanitäter-Ausbildung und hat „die in NÖ höchstmögliche Sanitäter-Ausbildung“. Er studierte Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Medizinischen Universität Graz und schrieb seine Diplomarbeit zum Thema
optimale Krankenhaus-Größe.






