Getrennte Aufgaben & Verantwortung
Mit März sind die NÖ Landeskliniken-Holding und der NÖ Gesundheits- und Sozialfonds zwei eigenständige Organisationen. Der Schritt bringt viele Vorteile für alle Beteiligten.
Der NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) und die NÖ Landeskliniken-Holding sind mit Monatsbeginn erstmals zwei inhaltlich und rechtlich-organisatorisch völlig eigenständige Organisationen. Das hat der NÖ Landtag beschlossen. GESUND&LEBEN INTERN lud die beiden politisch Verantwortlichen zu „Im Dialog“, um herauszuarbeiten, was diese Trennung für die Gesundheitsversorgung der Zukunft und für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beiden Organisationen bedeutet. Das Gespräch moderierte Chefredakteurin Mag. Riki Ritter-Börner.
GESUND&LEBEN INTERN: Die Neuregelung bringt, grob gesagt, die Trennung von strategischer Planung und praktischer Umsetzung. Wie teilen sich NÖ Landeskliniken-Holding und NÖ Gesundheits- und Sozialfonds die Aufgaben nun konkret?
Landesrat Mag. Karl Wilfing, zuständig für die NÖ Landeskliniken-Holding: „Der NÖGUS ist die strategische Leit- und Koordinationsstelle im niederösterreichischen Gesundheitswesen und damit für die Planung und Verteilung des Geldes zuständig. Die NÖ Landeskliniken-Holding ist für die operative Betriebsführung der NÖ Landes- und Universitätskliniken zuständig und setzt die Vorgaben des NÖGUS um, und das auch in der geforderten Qualität und Effizienz: Die Kliniken decken in den fünf Versorgungsregionen 95 Prozent der medizinischen Leistungen ab. Im ganzen Land und in jeder Region sind die Aufgaben genau auf den Bedarf abgestimmt, wobei sich die Schwerpunktsetzung der einzelnen Häuser auch durch die Kompetenzen führender Personen entwickeln kann. Unser großer Vorteil im Vergleich zu allen anderen Bundesländern ist, dass sich die Krankenhäuser nicht gegenseitig Konkurrenz ums Geld machen, weil es nur einen Träger gibt. So sind wir auch von den Kosten her im Vergleich zu anderen günstig, und das bei hoher Qualität. Das sieht man zum Beispiel an den Kosten für das neue Krankenhaus Nord in Wien und das bei der Bettenzahl vergleichbare Landesklinikum Baden-Mödling.“
Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka, Vorsitzender des NÖGUS: „Diese Lösung ist vorbildlich. Die gesamte Gesundheitsversorgung könnte nämlich wesentlich besser funktionieren und auch deutlich günstiger werden, wenn sich dieses Prinzip der Trennung von Finanzierung und Umsetzung auch bei den Krankenkassen durchsetzen ließe. Wir sollen das Gesundheitssystem mit der Gesundheitsreform nach der Frage des ‚Best Point of Service‘ ausrichten, aber das scheitert immer wieder an der Frage, wer was bezahlt. Beispiel onkologische Versorgung: Die Chemotherapien könnte zum Teil der niedergelassene Bereich verabreichen – die Ärztinnen und Ärzte sind dafür ausgebildet und würden es auch gerne machen. Es wäre in der Gesamtrechnung billiger, die Patienten würden es wollen. Aber die Kassen wollen es nicht bezahlen.“
Warum war die Trennung der beiden Organisationen NÖGUS und Holding gerade jetzt nötig und sinnvoll?
Sobotka: „Den NÖGUS gibt es seit 1997, die Holding seit 2005. In der Phase der Übernahme der Kliniken durch das Land war die Verflechtung sehr sinnvoll, denn es gab ja keine Experten am Markt, kein Personal, das diese völlig neuartige Aufgaben hätte übernehmen können. Wir wollten deshalb die Expertise der NÖGUS-Mitarbeiter für die Übernahme gut nutzen und haben uns so auch viele Schnittstellen-Probleme erspart. Seit 2008 alle Kliniken beim Land sind, haben wir begonnen, die Neuaufteilung zu organisieren. Das ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Mittlerweile hat jeder seine Rolle und seinen Platz gefunden.“
Was bringt die Gesundheitsreform für NÖ?
Sobotka: „Sie macht deutlich, dass noch viel zu tun ist. Im Landeszielsteuerungsvertrag steht, dass der niedergelassene Bereich ganz wesentlich ist. Doch der erfüllt seine Aufgaben nicht. Wir wissen aus den Zahlen der Interdisziplinären Aufnahmestationen und -bereiche der Kliniken, dass 70 Prozent der Menschen, die in ein Klinikum kommen, hier falsch sind. Das sind nicht nur Menschen, die selbstständig ins Krankenhaus kommen, sondern sogar welche, die von Ärzten hin überwiesen werden. Im niedergelassenen Bereich gibt es keine ausreichenden Öffnungszeiten, es fehlt Expertise und auch die Finanzierung. Der Leistungskatalog der Gebietskrankenkasse beispielsweise stammt aus den 50er Jahren und wurde immer nur ergänzt. Er braucht dringend eine neue Struktur, zum Beispiel bei der onkologischen Versorgung, für die Diabetesversorgung, die Dialyse, die Hospizversorgung. Überall, wo Verschiebungen der Leistungen zwischen Kliniken und Niedergelassenen sinnvoll wären, kommen wir nicht weiter, weil die Kassen nicht bereit sind, ihre Leistungskataloge zu überarbeiten.“
Wilfing: „Ein anderes Beispiel für diese starren Strukturen, die uns allen unnötig Geld kosten, sind die radiologischen Großgeräte: Wir haben in den Kliniken MRs und CTs, und zwar auf dem letzten Stand der Technik, die den halben Tag ungenutzt sind. Als wir angeboten haben, dass sich Fachärzte in den Kliniken einmieten können, um am Nachmittag Untersuchungen zu machen, hat das nicht geklappt, weil die Kassen nur die Akutversorgung in den Kliniken bezahlen wollen, nicht aber beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen.
Im niedergelassenen Bereich warten Patienten oft Wochen, bevor sie einen Termin und damit Klarheit erhalten. Ganz aktuell zur Gesundheitsreform: Ein gutes Beispiel für den vom Bund geforderten ‚Best Point of Service‘ ist das Medizinische Zentrum Gänserndorf – das würde sich perfekt eignen für das diskutierte neue Modell ‚Primary Health Care‘. Ein Zentrum mit Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten – es steht schon da und wäre damit wirtschaftlich günstig. Aber auch das scheitert daran, dass die Gesundheitsversorgung nicht aus einer Hand finanziert wird. In Melk steht ein großes Haus neben dem Klinikum leer, das könnte man ebenso nutzen – aber die Sozialversicherung will das nicht, will den niedergelassenen Bereich und die Kliniken getrennt lassen.“
Was bringt die Trennung von NÖGUS und Holding für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?
Wilfing: „Sie bringt uns klare Vorgaben und eine klare Aufgabenteilung: Der NÖGUS gibt die Linie und die Finanzen vor, und die Holding setzt das um. Nehmen wir zum Beispiel die Bildung: Der NÖGUS übersetzt die Bundes-Vorgaben in Zahlen für die einzelnen Pflegeschulen und setzt die qualitativen Standards fest – die Holding setzt das operativ in den Kliniken und Schulen um.“
Sobotka: „Beispiel Pflegeberufe: Der Bund plant Änderungen. Der NÖGUS nimmt Bedacht darauf, was die Kliniken benötigen, zum Beispiel dass sie bei einer dreistufigen Ausbildung eigenständige Pflegeassistenten brauchen. Wir nehmen diese Forderungen auf, kleiden sie in Strukturen und gleichen sie mit den anderen Bundesländern ab.
Durch die Trennung der beiden Einheiten sind wir transparent bei allen Entscheidungen: Die Vorgaben kommen vom NÖGUS, die Holding setzt sie um. Dadurch kann sich der NÖGUS jetzt auf seine Aufgaben in der Planung, Steuerung und Qualitätssicherung konzentrieren, wie die grenzüberschreitenden EU-Projekte, 144 Notruf NÖ, das TEWEB, die präklinischen Strukturen, die psychosoziale Versorgung, den Psychiatrieplan, der jetzt evaluiert ist. Das ist wie ein enger Schulterschluss zwischen den beiden Organisationen, in vielen Bereichen.“
NÖ Landeskliniken-Holding & NÖGUS
Für die „Zielsteuerung Gesundheit“ (Gesundheitsreform) fungiert der NÖGUS als Drehscheibe der Zielsteuerungsmaßnahmen in Niederösterreich und ist gemeinsam mit der Sozialversicherung verantwortlich für die sektorenübergreifende Planung, Steuerung, Finanzierung und Qualitätssicherung des Gesundheitswesens in Niederösterreich. Für diese neue Aufgabe des NÖGUS ist eine vom Betriebsführer der NÖ Kliniken unabhängige Positionierung notwendig, um die NÖ-spezifischen Themen auf Bundesebene bestmöglich einbringen zu können.
Das NÖGUS-Budget
Das Budget für 2015 beträgt erstmals zwei Milliarden Euro für die Gesundheit der Menschen in NÖ. Größter Budgetposten sind die Leistungen der Landes- und Universitätskliniken mit 1,8 Milliarden Euro bzw. 89 Prozent des Budgets (z. B. Leistungen der NÖ Kliniken an Patienten, allgemeine und spezielle Ambulanzleistungen wie Strahlentherapie sowie Investitionen in Bauten oder Modernisierungen der Kliniken). 49 Mio. Euro sind Strukturmittel für krankenhausersetzende Maßnahmen wie die Hauskrankenpflege, 27 Mio. Euro fließen in die Ausbildung an den NÖ Gesundheits- und Krankenpflegeschulen sowie an den Schulen für den medizinisch-technischen Dienst und zehn Mio. in die Gesundheitsvorsorge.
Aufgaben des NÖGUS
Drehscheibe der Zielsteuerungsmaßnahmen in NÖ und gemeinsam mit Sozialversicherung verantwortlich für:
- Umsetzung der Zielsteuerung Gesundheit in NÖ laut Zielsteuerungsvertrag
- Zusammenarbeit zwischen niedergelassenem Bereich und Kliniken
Finanzierung und Qualitätssicherung in der Aus- und Weiterbildung relevanter Gesundheitsberufe:
- Fachhochschulstudiengänge nichtärztlicher Gesundheitsberufe wie Physiotherapie, Diätologie, Hebammen (Fachhochschulen in St. Pölten, Krems, Wiener Neustadt)
- NÖ Gesundheits- und Krankenpflegeschulen: Holding ist Betriebsführer, NÖGUS ist für Strategie, Mitentwicklung der Curricula, Ausbildungsrichtlinie und Qualitätssicherung zuständig.
Interdisziplinäre Trainingszentren für Ärzte und Pflegefachkräfte:
ZETT Zentrum für Entwicklung – Training – Transfer, NÖ Zentrum für Medizinische Simulation und Patientensicherheit am LK Hochegg etc.
Finanzierung der NÖ Kliniken: NÖGUS steuert durch die Verteilung der zur Verfügung stehenden Mittel.
Versorgungsplanung im Rahmen des Österreichischen Strukturplans
Gesundheit und des Regionalen Strukturplans NÖ – sie enthalten die Planungsaussagen zu Leistungen im akutstationären, spitalsambulanten und niedergelassenen Versorgungsbereich sowie von medizinisch-technischen Großgeräten, z. B. gesamte Versorgung pro Region mit Anzahl Spitäler, Abteilungen, Ambulanzen; Bettenanzahl pro medizinischer Fachrichtung
Drehscheibe für Gesundheitsvorsorge ist die Initiative »Tut gut!«:
Programme und Projekte wie »Gesunde Gemeinde«, »Gesunde Schule«
- Projekte in Zusammenarbeit mit den NÖ Kliniken: Vortragsreihe »Treffpunkt Gesundheit« in den Kliniken, Programm für übergewichtige Kinder »Durch Dick und Dünn«, Gemeinschaftsverpflegung »Vitalküche«. Informationen: www.noetutgut.at
Steigerung der Qualität im NÖ Gesundheitswesen:
- Entwicklung von Kennzahlensystemen für Messung der Ergebnisqualität in den NÖ Kliniken (z. B. A-IQI – internes Qualitätsmanagementsystem, wird bereits vom BM für Gesundheit in allen Bundesländern eingesetzt)
- Förderung der Studien- und Wissenschaftslandschaft in NÖ, um Innovationen im Gesundheitsbereich zu forcieren und den hohen medizinischen Standard in den NÖ Kliniken zu sichern
EU-Aktivitäten:
- Durchführung grenzüberschreitender EU-Projekte mit Nachbarregionen oder Mitgliedstaaten der Europäischen Union, auch in Zusammenarbeit mit den NÖ Kliniken
144 Notruf NÖ:
- 144 Notruf NÖ sichert als zentrale Drehscheibe in der Notfallversorgung den optimalen Ablauf der Rettungskette, damit im Notfall jede Niederösterreicherin, jeder Niederösterreicher eine rasche und qualitativ hochwertige medizinische Versorgung bekommt. Informationen: www.144.at
Alle Informationen finden Sie auf www.noegus.at






