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Sicherheit für Patienten und Mitarbeiter

Risikomanagement mit externen Experten startete vor zwei Jahren in den NÖ Landeskliniken und soll bis 2016 an allen Häusern implementiert sein. Wer es schon hat, berichtet von zahlreichen Verbesserungen – und mehr Sicherheit für Patienten und Mitarbeiter.


Risikomanagement ist ein Pfeiler der Qualitätsstrategie der NÖ Landeskliniken-Holding. Denn Krankenhäuser gelten generell als Risikobereiche, OPs und Intensivstationen gar als Hochrisikobereiche. Als die NÖ Landeskliniken- Holding 2009 nach einem europaweiten Ausschreibungsverfahren einen Vertrag mit der GRB – Gesellschaft für Risiko-Beratung – abschloss, zeigten sich die Mitarbeiter in den Kliniken anfangs besorgt, ihre Arbeit, ihr Haus könnte an den Pranger gestellt werden. Doch weit gefehlt: Dr. Peter Gausmann, international anerkannter und erfahrener Experte, der am Beginn seiner Berufslaufbahn selbst in OPs gearbeitet hatte, zeigt mit seinen Mitarbeitern in den Kliniken auf, wo Fehler passieren können und wie man sie vermeiden kann. Bei einem Risiko-Audit kommen Gausmann und seine Mitarbeiter ins Haus und lassen sich zeigen, wie die Abläufe sind, von der Einschleusung in den OP bis zum Aufwachzimmer, vom Erstkontakt in der Ambulanz bis zur Gestaltung der Ambulanzkarte. „Sie können sicher sein, dass in der Kreuzfahrt-Branche nach dem Unglück der Costa Concordia ähnliche Prozesse ablaufen.“ Gausmann arbeitet seit den 90er Jahren für den Versicherungsmakler Ecclesia Versicherungsdienst. Damals, in den 90ern, wurde es für Gesundheits- und Sozialdienste immer schwieriger, Versicherungen zu finden: „Geburtenabteilungen zum Beispiel wollte niemand mehr versichern. Also mussten wir Lösungen finden, um Deckungskonzepte für die Risken zu bekommen. Unsere Idee war es, die Risiken zu verändern, um wieder Versicherungsschutz zu bekommen. Wir studierten Schadensfälle und suchten die Muster dahinter. Daraus entstand eine Schaden- Datenbank, in der heute 135.000 Schadensfälle ausgewertet sind. So entwickelte sich das Risikomanagement mit den Audits durch externe Experten, wie wir es nun machen.“ In den Kliniken zeigt sich, dass Risiko-Audits die Mitarbeiter entlasten und die Anregungen der externen Experten geradezu dankbar angenommen werden. Grund genug für GESUND+LEBEN INTERN, nach den ersten beiden Jahren zu „Im Dialog“ zu laden, um Bilanz zu ziehen und einen Ausblick zu geben. Hier die wichtigsten Aussagen und Statements.

DGKS Karin Perner, Bereichsleitung OP und Anästhesie, LK Wiener Neustadt:

„Bei uns war am Anfang schon die Stimmung: ‚Da kommt schon wieder wer von außen und will uns womöglich kritisieren‘ – aber die Rückmeldungen auf das Risiko-Audit sind durchgehend sehr positiv: ‚Es entlastet‘, sagen die Mitarbeiter. In der Praxis geht es bei dem Risiko-Audit um die vielen Kleinigkeiten, die einem im Alltag gar nicht mehr auffallen. Da tut der kritische Blick von außen gut. Bei uns lagen im OP ein paar Kabel und Schläuche am Boden, wir waren gewohnt, drüberzusteigen. Jetzt haben wir Bügel an der Decke, die Schläuche liegen nicht mehr herum. Wir haben Checklisten implementiert, wie sie die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt. Beim Einschleusen des Patienten in den OP sind alle Befunde da – das hat die Patientensicherheit gesteigert und die Abläufe verbessert. Oft sind es Kleinigkeiten, die einen aber schlussendlich entlasten: Unsere Patienten-Armbänder waren zu schmal, man konnte sie schwer lesen, und sie waren nicht wasserdicht – durch das Duschen konnte die Schrift verschwimmen. Jetzt haben wir bessere Armbänder. Und noch Sicherheit für Patienten und Mitarbeiter etwas sehr Wichtiges: Auf den Stationen wurden die Mitarbeiter wachgerüttelt, wie gefährlich es werden kann, wenn man in den Dokumentationen die Schrift nicht lesen kann, besonders die der Ärzte – das ist deutlich besser geworden. Und unsere OP-Gehilfen haben ein richtig intensives Lagerungs-Training bekommen, mit 20 Minuten Theorie und zwei Stunden Praxis – sie waren richtig gefordert dabei und haben sehr viel gelernt. Patienten für eine OP richtig zu lagern ist ein ganz wesentlicher Faktor!“

Prim. Dr. Lukas Koppensteiner, Ärztlicher Direktor des LK Hainburg:

„Der kritische Blick des externen Experten war für uns der größte Benefit: Dr. Gausmann hat eine Matrix mit 1.500 Positionen, die er im Klinikum systematisch abklopft. Ist ein Punkt ein Thema für die Abteilung, wird er in den Maßnahmen- Katalog aufgenommen. Jeder Punkt im Maßnahmen-Katalog wird nach dem Ampel- System danach bewertet, wie gefährlich er ist und wie wahrscheinlich es ist, dass er zum Risiko wird. Jede Abteilung kann in ihrem Risiko- Katalog so systematisch die größten Risiken zuerst beseitigen. Ein Beispiel: In der Nacht hat früher einfach der Portier die Triage gemacht, er war ja da – das war sicher in vielen Häusern so. Heute haben wir rund um die Uhr eine Interdisziplinäre Aufnahme-Ambulanz. Unsere Planung für die Ambulanz haben wir durch das Risiko-Audit übrigens noch spürbar verbessert. Dr. Gausmann hat uns darauf hingewiesen, dass die Pflegepersonen in der Endoskopie bei fehlendem Aufklärungsbogen dokumentieren, dass die Aufklärung fehlt – was im Fall einer Komplikation fatal sein kann. Heute muss der Aufklärungsbogen vorhanden sein, sonst wird die Untersuchung nicht durchgeführt. Bei der Dokumentation haben wir eigentlich befürchtet, dass wir sie noch gründlicher machen müssen – aber da hat uns Dr. Gausmann überrascht: Bei der Intensiv-Überwachung beispielsweise haben wir zu viel dokumentiert – und Gausmann hat uns gezeigt, dass dadurch sogar Missverständnisse entstehen können, die bei Prozessen Probleme bereiten können.“

Dr. Peter Gausmann:

„Das ist ein sehr wesentliche Effekt der Audits: Wir schützen die Teams vor ungerechtfertigten Ansprüchen. Wir bekommen auch sehr positive Rückmeldungen, weil die Teams von uns hören, was alles passt und gut und sinnvoll gemacht wird. Das erste Feedback geben wir schon in der ersten Woche. Danach erstellen wir das Gutachten. Wenn die Teams die Risiken abarbeiten, sehen sie im Portfolio ganz klar, wo sie stehen – und das unterstützt und stärkt sie.“

Doris Haselmann, MA, Leiterin des Projekts Risikomanagement in der Abteilung Medizinische und Pflegerische Betriebsunterstützung, NÖ Landeskliniken-Holding:

„Es ist beeindruckend, mit welchem Feuereifer die zuständigen Personen in den Kliniken daran arbeiten, die identifizierten Risiken zu beseitigen. Sehr viel geschieht auch schon präventiv. Und was mich besonders freut: Sehr viel geschieht hier interdisziplinär, und besonders die Ärzte sind mit ganz großem Interesse bei der Sache. Wir arbeiten daran, die Risiko-Teams in den Kliniken zu qualifizieren. Dafür bieten wir im Bildungskatalog eigene Seminare an, denn unser Hauptgedanke ist die Nachhaltigkeit, damit wir später gegenseitig Audits – im Austausch zwischen den Kliniken und den Regionen – durchführen können, im Interesse der Mitarbeiter und Patienten. Wir werden immer auch mit externen Experten arbeiten, denn die Medizin entwickelt sich weiter und neue Risiken entstehen.“

Dr. Robert Griessner, Medizinischer Geschäftsführer der NÖ Landeskliniken- Holding:

„Für die NÖ Landeskliniken-Holding ist das Risikomanagement ein wesentlicher Teil eines umfassenden Qualitätsmanagements – eine Kernaufgabe des Unternehmens. Es ist wichtig, dass Risikomanagement in der Unternehmens- Entwicklung und der Personal-Entwicklung zur Selbstverständlichkeit wird. Ein Krankenhaus mit bis zu 2.500 Mitarbeitern ist unglaublich komplex – da müssen die Abläufe genau definiert sein, damit die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Dinge tun. Gausmann hilft uns, die größten Risiken schnell und zuerst zu eliminieren. Wir werden diese Arbeit aber auch den Patienten kommunizieren müssen, ihnen zeigen, was wir alles tun, damit sie sicher sind. Ich habe einen Film eines Krankenhauses in Leipzig gesehen – die zeigen, was die Klinik im Hintergrund alles für die Patientensicherheit tut. Das ist ein wichtiger Aspekt, damit sich die Patienten auch sicher fühlen.“

Dr. Peter Gausmann:

„Das stimmt, das sollten Sie kommunizieren. Denn die Kliniken sind im Risikomanagement in den letzten Jahren erheblich besser geworden, die Patienten wurden in den letzten zehn Jahren aber verunsichert, weil die Medien sehr kritisch und nicht immer sachlich berichten. Dabei gibt es gerade in der NÖ Landeskliniken-Holding sehr viel zu loben: Es gibt klare Strukturen, in denen man sehr gut arbeiten kann – das betont auch unsere GRB-Projektleiterin Sabine Kraft immer wieder. Ihr gegenüber, die Holding-Verantwortliche Doris Haselmann – sie ist ausgezeichnet vernetzt und hält alle Fäden fest zusammen. Sehr gut sind die Treffen der Risiko-Experten der Landeskliniken, bei denen die Ideen der einzelnen Häuser an die anderen Häuser weitergegeben werden – das bringt eine Menge.“

LH-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka:

„Es gibt zahlreiche Punkte in der geplanten Weiterentwicklung, die uns im Risikomanagement helfen werden. Zum Beispiel die Laptop- Visite, die das LK Wiener Neustadt noch heuer bekommen wird. Da fällt dann das Problem der Lesbarkeit von handschriftlichen Notizen weg. Oder die vielen Neubauten und Umbauten der Kliniken, da achtet die NÖ Landeskliniken- Holding darauf, durch optimale Planung Risiken zu senken. Der Raumzellenbau in Wiener Neustadt etwa hat die Risiken für die Abteilung für Unfallchirurgie reduziert, damit dort sicher gearbeitet werden kann, bis das neue Landesklinikum steht. Ich bin sehr froh, dass in den Kliniken das Risikomanagement so ernsthaft betrieben wird. Denn wir können Spitzenmedizin nur leisten, wenn alle Begleitumstände State of the Art sind. Risikomanagement ist eine relativ junge Disziplin. Noch fehlen uns evidenzbasierte Untersuchungen dazu, die wir als großer Konzern brauchen. Aber wir gehen diesen Weg ganz bestimmt und konsequent weiter.“

INFOBOX

Risikomanagement – der Zeitplan

2010

  • Pilotprojekt: Risiko-Audits in den LK Hainburg, Waidhofen/Ybbs und Wiener Neustadt ((Hochrisikobereich: Anästhesie/Intensivmedizin, OP-Bereich, Gynäkologie und Geburtshilfe)
  • Ausrollung: Risiko-Audits in den LK Horn, Melk und Krems (Hochrisikobereich inkl. IAS)

2011

  • Risiko-Audits in den LK Amstetten, Lilienfeld, Korneuburg-Stockerau, Mistelbach (Hochrisikobereich), Waidhofen/Thaya (Hochrisikobereich), Klosterneuburg
  • Evaluierungs-Audits (Kontrolle der Umsetzung der Maßnahmen): Hainburg, Waidhofen/Ybbs, Wiener Neustadt

2012

  • Risiko-Audits in den LK Scheibbs, Hollabrunn, GmÜnd, Waidhofen/Thaya (2. Teil), St. Pölten (Hochrisikobereich), Hochegg
  • Evaluierungs-Audits in den LK Horn, Krems, Melk, Amstetten, Lilienfeld
  • Bis Ende 2016: alle Häuser auditiert, 2017 alle auch evaluiert. Bis dahin sollen in den Kliniken interne Kompetenzen aufgebaut und Experten ausgebildet werden, damit sich die Kliniken gegenseitig auditieren können. Ergänzend werden weiterhin externe Experten eingebunden.