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Die Gatekeeper

Immer mehr Landeskliniken nutzen Interdisziplinäre Aufnahmestationen und -bereiche, um Patienten mit guter Erstdiagnose auf die richtige Abteilung zu bringen und nur die Menschen stationär aufzunehmen, die wirklich im Klinikum behandelt werden müssen.


OÄ Dr. Andrea Koegler, Internistin und Nephrologin, 1. Med. LK Mistelbach- Gänserndorf, Leiterin Interdisziplinäre Aufnahmestation (IAS)

OÄ Dr. Gyöngyi Fodor, Innere Medizin LK Hainburg, Leiterin Interdisziplinäre Aufnahmeambulanz (IDA)

DGKS Eva Kainz, MSc, Pflegedirektorin LK Tulln

Prim. Univ.-Doz. Dr. Paul Christian Hajek, Ärztlicher Direktor LK Wiener Neustadt

DGKS Christa Stöger, stv. Pflegedirektorin LK Scheibbs

Dr. Robert Griessner, Medizinischer Geschäftsführer der NÖ Landeskliniken- Holding

Dr. Markus Klamminger, Leiter Abteilung Medizinische und Pflegerische Betriebsunterstützung und stv. Medizinischer Geschäftsführer der NÖ Landeskliniken- Holding

Dipl. KH-BW Helmut Krenn, Kaufmännischer Geschäftsführer der NÖ Landeskliniken- Holding

In vielen Krankenhäusern waren es lange die Portiere, die Patientinnen und Patienten zu den einzelnen Stationen geschickt haben. Nun entstehen in immer mehr Landeskliniken Interdisziplinäre Aufnahmestationen oder -bereiche, die diese Gatekeeper-Funktion hochprofessionell und gründlich übernehmen. Mit einem spannenden Nebeneffekt: Nirgends bekommen Turnusärzte innerhalb kürzester Zeit alles zu sehen, womit Patienten auch künftig bei ihnen vorstellig werden – vom schlichten Harnwegsinfekt bis zu lebensbedrohlichen Ereignissen wie einem Schlaganfall oder einem Aortenaneurysma. Zeit für einen Rundblick – und damit für „Im Dialog“ mit Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten und der Führungsspitze der NÖ Landeskliniken- Holding.

OÄ Dr. Andrea Koegler, Internistin und Nephrologin, Leiterin Interdisziplinäre Aufnahmestation im LK Mistelbach-Gänserndorf: „Unsere Station war die erste dieser Art in Niederösterreich und wurde im Jahr 2000 in Betrieb genommen. Wir verwenden das Manchester- Triage-System (siehe S. 24, Anm. d. Red.), sind rund um die Uhr besetzt mit zwei Turnusärzten für die Aufnahme, einem Internisten und einem Dauersekundararzt in der Kernarbeitszeit. Ein Assistenzarzt, Oberarzt oder Arzt mit Ius practicandi hat Montag bis Donnerstag einen verlängerten Dienst bis 19 Uhr. Außerhalb der Kernarbeitszeit nimmt ein Turnusarzt auf, und ein Oberarzt oder Assistent betreut die IAS und drei bettenführende Stationen. Wir wollen uns mehr zur Organisations-Drehscheibe umorientieren, denn noch empfinden wir die Zeit, die ein Patient warten muss, als zu lange. Alle nichtchirurgischen Fälle und alle Fälle, die unklar sind, kommen zu uns. Wir können auch Patienten über Nacht behalten. 50 bis 70 Prozent bekommen einen Entlassungsbrief und können wieder nach Hause oder vom niedergelassenen Arzt weiterbehandelt werden.“

OÄ Dr. Gyöngyi Fodor, Innere Medizin LK Hainburg, Leiterin Interdisziplinäre Aufnahmeambulanz (IDA): Die Interdisziplinäre Ambulanz gibt es seit Februar 2011, sie ist rund um die Uhr in Betrieb. Wir haben drei Behandlungskojen und einen Hauptbehandlungsraum. Nach einigem Ausprobieren haben wir jetzt einen Internisten, der bis 15 Uhr da ist. Ein Turnusarzt ist auch immer in der Ambulanz eingeteilt, ab 19 Uhr ist es der diensthabende, der auch noch die Stationen versorgt. Der Notarzt- Stützpunkt ist auch hier, der diensthabende Notarzt arbeitet mit, wenn er nicht unterwegs ist. Ab 15 Uhr übernimmt der diensthabende Internist die Versorgung über Nacht. Er ist aber auch für die Interne und die Intensivstation zuständig, da kann es auch einmal zu Wartezeiten bis zu längeren Stunden kommen. Denn kein Patient darf das Haus verlassen, ohne dass ein Facharzt oder Arzt mit Ius practicandi (Notarzt) ihn gesehen hat. Zwischen 19 und 7 Uhr haben wir meistens zwischen fünf und zehn Patienten.“

DGKS Eva Kainz, MSc, Pflegedirektorin LK Tulln: „Unsere IAS gibt es seit 2009. Etwa 1.000 Menschen pro Monat kommen – alles, was unklar und ungeplant ist. 60 Prozent gehen innerhalb von 24 Stunden wieder nach Hause. Seit Oktober 2012 hat ein Internist den Hauptdienst bis 15 Uhr, der Notarzt unterstützt ihn. Danach übernimmt der in der Internen Abteilung diensthabende Arzt die IAS zusätzlich zu drei Stationen und der Interdisziplinären Intensivstation. Ärzte mit Ius Practicandi machen den laufenden Betrieb und werden von Turnusärzten unterstützt, je nach Patientenstrom. Die Triage macht die Pflege nach ESI (Emergency-Severity-Index), sie sagt dem Patienten auch den Status der Einschätzung, woraus sich die voraussichtliche Wartezeit ergibt. Zwischen 22 und 7 Uhr bleiben neue Patienten auf der IAS, die Entlastung der Stationen funktioniert sehr gut. Wichtig ist, dass sich die Berufsgruppen gemeinsam als Team sehen und gut miteinander zusammenarbeiten und kommunizieren.“

Prim. Univ.-Doz. Dr. Paul Christian Hajek, Ärztlicher Direktor LK Wiener Neustadt: „Wir sind mitten in der Projektphase, wollen im Sommer mit einem Triagebereich starten. Bisher haben wir einen ungeregelten Zugang ins Klinikum – von Selbstzuweisern bis zu praktischen Ärzten, die den Patienten sagen, in welche Abteilung sie gehen sollen. Wir haben uns verschiedene Modelle angeschaut – Bregenz und Klagenfurt haben ähnliche Konstrukte wie das, wofür wir uns entschieden haben. Auf der Basis von Prozessmanagement starten wir mit einem Triagebereich mit neun Behandlungsplätzen. Turnusärzte werden die Aufnahme machen, Ärzte mit Ius Practicandi die Hauptarbeit. Sie können die jeweiligen Fachärzte holen. Wir rechnen mit 80 bis 120 Fällen pro Tag. Ab dann darf kein niedergelassener praktischer Arzt mehr Patienten direkt auf Stationen zuweisen. Wir haben uns sämtliche Aufnahmen von 2012 durchgeschaut – 80 Prozent der Menschen wären nicht mehr stationär aufgenommen worden.“

DGKS Christa Stöger, stv. Pflegedirektorin im LK Scheibbs: „Wir haben im Februar 2011 mit einem Interdisziplinären Aufnahmebereich (IAB) gestartet. Der IAB steht unter internistischer Leitung, dazu kommen Assistenzärzte und jeweils zwei Ärzte für die Aufnahme. Der große Vorteil ist, dass der IAB zentral liegt und alle Einrichtungen zur Diagnosestellung, wie die Radiologie, in unmittelbarer räumlicher Nähe zum IAB liegen. Die Pflege übernimmt bei allen ungeplanten Patienten eine Ersteinschätzung, angelehnt an das Manchester-Triage- System, um die Behandlungspriorität des Patienten festzulegen. Die Abläufe sind nun viel klarer. In der Kernarbeitszeit stehen täglich zwei Pflegepersonen (gehobener Dienst) zur Verfügung, danach und nachts eine Pflegeperson. Bewährt hat sich der Einsatz von sonderausgebildeten Intensiv-Pflegepersonen während der Nachtstunden. Dadurch erreichen wir eine sehr hohe Qualität der Patientenversorgung und hohe Zufriedenheit der Mitarbeiter – sowohl im medizinischen als auch im pflegerischen Bereich. Wenn man eine IAS oder einen IAB plant, ist die Kommunikation über Ziel und Zweck eines IAB mit allen Bereichen – auch den patientenfernen Berufsgruppen – des Hauses wichtig. Bei uns haben sich zum Beispiel die Küchen-Mitarbeiter gesorgt, dass sie womöglich ihre Arbeitsplätze verlieren, wenn die IAB so viele Aufnahmen einsparen hilft.“

Dr. Robert Griessner, Medizinischer Geschäftsführer NÖ Landeskliniken-Holding: „Wenn man eine IAS etabliert, muss sich alles erst einschleifen. Es geht nicht sofort perfekt. Die IAS in Horn haben wir aus der Not heraus entwickelt, weil die Akutspitäler in Allentsteig und Eggenburg für neue Aufgaben umgewandelt wurden und wir den Bedarf der Bevölkerung auffangen wollten. Die IAS entlastet, wie in allen Häusern, den Pflegebereich. Jedes Haus muss seine eigenen Spielregeln entwickeln und alles hängt sehr stark von den handelnden Personen ab. Sie müssen die besten Strukturen erst entwickeln und die Prozesse gemeinsam lernen – und man kann sehr gut lernen voneinander, das sollten alle Beteiligten nützen. Eine IAS ist auch ein hervorragender Ausbildungsplatz: Nach zwei Jahren IAS hat man wirklich alles gesehen, vom Harnwegsinfekt über einen Schlaganfall bis zum Aortenaneurysma.“

Dr. Markus Klamminger, Leiter Abteilung Medizinische und Pflegerische Betriebsunterstützung und stv. Medizinischer Geschäftsführer NÖ Landeskliniken- Holding: „Mit einer IAS oder einem IAB spart man sich vor allem vor und am Wochenende, Menschen aufzunehmen, die man bisher sicherheitshalber in der Station aufgenommen hat. Natürlich ist es ein Aufwand, jemanden in der IAS oder dem IAB mit allen Mitteln zu untersuchen wie Schall und Labor. Im Schnitt schicken die Stationen zwei Drittel der Patienten innerhalb von 24 Stunden wieder nach Hause oder in die niedergelassene Versorgung – gut diagnostiziert und versorgt und mit Arztbrief und eventuell Medikamentenverschreibung (die vom niedergelassenen Arzt in ein Rezept umgeschrieben werden muss – hier sind noch Änderungen notwendig). Jedenfalls sind die IAS eine Erfolgsgeschichte, es ist schon viel geschehen. Vor 15 Jahren wäre das alles undenkbar gewesen.“

Dipl. KH-BW Helmut Krenn, Kaufmännischer Geschäftsführer NÖ Landeskliniken- Holding: „Eine IAS, ein IAB bedeuten, patientenorientiert zu arbeiten. Nicht der Portier entscheidet, wo der Patient hingehen soll, sondern die Experten kommen zum Patienten. Dadurch entlasten IAS und IAB die Stationen, besonders in der Nacht – da ist viel mehr Ruhe im System. Die Anforderungen an die Kliniken werden mit der sich verschiebenden Altersstruktur der Bevölkerung nicht weniger werden. Eventuell können die IAS uns noch für einige Zeit die eine oder andere Station ersparen, weil doch überall über die Hälfte der Menschen nicht stationär aufgenommen werden muss. Entscheidend ist, dass das ganze Haus hinter der IAS steht. Die IAS und IAB leisten jedenfalls hervorragende Arbeit!“