Draußen und Drinnen 2012 – „Lust und Frust der Arbeitswelt“
Am 20. Juni 2012, einem sommerlich-heißen Mittwoch, fand im Festsaal des Landesklinikums Mauer die sehr gut besuchte Tagung der Reihe „Draußen und Drinnen“ unter dem Motto „Lust und Frust der Arbeitswelt“ statt.
Regionalmanager Mag. Dr. Klaus Schuster, MSc, MBA, hob in seiner Eröffnungsrede die Wichtigkeit der Veranstaltung als Schnittstelle, um voneinander zu wissen und um die Vielfalt an Expertisen zusammenzubringen, hervor und ermunterte alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich aktiv mit ihren Fragen und Meinungen einzubringen. Die ärztliche Direktorin Prim. Dr. Ingrid Leuteritz begrüßte alle Anwesenden im Namen der kollegialen Führung und wies darauf hin, dass der heute stattfindende Wandel in der Arbeitswelt mit verschärften wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und erhöhten Anforderungen an die einzelnen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von diesen hohe Anpassungsleistungen abfordern, was vermehrt zu existenziellen Ängsten, Depressionen und anderen psychischen Leiden wie auch häufig zu Arbeitslosigkeit führen kann. Diese Problematik wurde auch von Prim Dr. Josef Krejcar aufgegriffen, der als Moderator durch den Tag führte: Globalisierung in Wirtschaft und Politik, Knappheit an Ressourcen, sich verschlechternde Rahmenbedingungen erhöhen den Druck auf die Einzelne, den Einzelnen. Der Arbeitsdruck steigt, und mit ihm steigen Krankenstände und Frühpensionierungen aufgrund psychischer Erkrankungen. Gleichzeitig muss der Gesellschaft auch die Integration von primär psychisch kranken Menschen in den Arbeitsmarkt ein großes Anliegen sein. Arbeit ist als weitgefasster Begriff zu sehen, der sich nicht allein auf Erwerbsarbeit beschränkt, sondern auch Kunst, Ausbildung und Muße mit einschließt. Ein gesunder Rhythmus von Muße und Arbeit ist für jeden Menschen erforderlich. Die Fragestellung „Wie wäre ein Leben ohne Arbeit? Wäre das überhaupt vorstellbar?“ leitete direkt über in den künstlerischen Teil des Programms, „ A wengal schwoazz, a wengal weiss, a bissal wos dazwischn“, der von Christian Suchy, Beatrix Datterl und Daria Spreitzer bestritten wurde und in Form von mehreren tiefgründig-tragigkomischen kabarettistischen und musikalischen Einlagen die Vortragsblöcke umrahmte. Dr. Elsbeth Huber, Leiterin der Abteilung Arbeitsmedizin und Arbeitshygiene, BM für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, eröffnete die Vortragsreihe mit den Themenkreisen „Krankmachender Arbeitsalltag – Zahlen, Fakten, Daten, Ursachen“ und „Menschengerechte Arbeitsgestaltung – was + wie umsetzen?“ Grundsätzlich wirkt sich Beschäftigung positiv auf die psychische Gesundheit aus, weil sie sozialen Status, Einkommen, Selbstachtung, Zeitstruktur und soziale Kontakte fördert. Psychische Krankheit ist aber leider auch ein bedeutender Grund für den Ausschluss vom Arbeitsmarkt. Eine geringe Arbeitsqualität, ein schlechtes soziales Arbeitsklima, schlechte Führungsqualitäten und eine belastende Arbeitsorganisation können die psychische Gesundheit wesentlich beeinflussen. Die Arbeitslosigkeitsraten von Personen mit schweren psychischen Problemen sind laut OECD-Studie 3 bis 6 mal höher als die von Personen ohne psychische Probleme, jene von Personen mit leichten psychischen Problemen 2- bis 3-mal höher. Laut dieser Studie sind Beschäftigte in allen OECD-Ländern auch aufgrund massiver Änderungen und struktureller Anpassungen am Arbeitsmarkt in den letzten Jahrzehnten zunehmend schlechter werdenden Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Österreich ist im Vergleich zum EU 15 – Durchschnitt ein Land mit relativ hoher Arbeitsintensität (Zeit-, Termindruck, hohes Arbeitstempo), aber nur mäßigem Entscheidungsspielraum innerhalb der Arbeitssituationen, was sich negativ auf die individuelle Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auswirkt. Anderseits kann aber ein relativ hohes Ausmaß an Anerkennung und sozialem Rückhalt verzeichnet werden, was einen positiven Einfluss auf die Gesundheit hat. Laut WHO, 1986, soll die Arbeit eine Quelle der Gesundheit sein. Der Appell lautet „Der Arbeit ein gesundes Maß geben“. Die psychiatrischen Erkrankungen stehen derzeit an 4. Stelle als Ursachen für Krankenstände und Frühpensionierungen und werden in absehbarer Zeit an 2. Stelle stehen. Die Diagnosen psychischer Erkrankungen werden häufiger gestellt und auch das Eingestehen und die Akzeptanz, an einer psychischen Erkrankung zu leiden, ist gestiegen. Positive Effekte auf Fehlzeiten, Arbeitszufriedenheit und psychische Gesundheit haben Mitbestimmung und Kommunikationsmöglichkeiten, Anerkennung und Unterstützung am Arbeitsplatz sowie ein Führungsstil seitens der Vorgesetzten, der von Anerkennung und Wertschätzung, Zuhören und Respekt getragen ist, der frühzeitiges Besprechen von Problemen und gemeinsame Problemlösung ermöglicht. Gemäß dem geltenden ArbeitnehmerInnenschutzgesetz sind Betriebe verpflichtet, Arbeitsumstände dahingehend zu evaluieren, ob sie körperlich oder psychisch krank machen. Eine geplante Gesetzesnovelle, die 2013 in Kraft treten soll, wird noch klarer auf die psychischen Belastungen eingehen. Dr. Huber empfahl ein Nachlesen zum Thema auf folgenden Webseiten: www.bmask.gv.at; www.impuls.at; www.arbeitsinspektion.gv.at; www.fit2work.at Univ.-Prof. Dr. Johannes Wancata, Vorstand der Abteilung für Sozialpsychiatrie, Univ. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Med. Uni Wien, stellte zum Thema „Macht Arbeit krank? Macht Arbeit gesund?“ die Auswirkungen der psychischen Erkrankungen auf die Arbeitsfähigkeit sowie die durch psychische Erkrankung verursachten Kosten dar. Im Vergleich zu den Behandlungskosten überwiegen die Kosten durch Krankenstandstage. Diese sind, ebenso wie Invaliditätspensionen, aufgrund psychischer Erkrankungen enorm angestiegen. Deshalb stelle sich auch die Frage, wofür in diesem Zusammenhang Geld investiert werden soll. Psychische Erkrankungen erhöhen das Risiko, aus dem Arbeitsprozess herauszufallen, und erschweren die berufliche Integration nach Krankheitsbeginn. Gerade schwer und chronisch psychisch Kranke sind überproportional häufig arbeitslos oder frühzeitig in Pension. Bei Schizophreniekranken verschlechtert sich die Negativsymptomatik, wenn zu wenige Anforderungen im Alltag vorhanden sind. Maßnahmen der Aktivierung inkl. arbeitsähnlicher Aktivitäten werden als wirksam gegen Minussymptomatik erachtet. Zahlreiche Studien zeigen die Wirksamkeit von Supported Employment im Gegensatz zu üblichen beruflichen rehabilitativen Maßnahmen bei psychisch kranken Menschen bezüglich arbeitsbezogener Zielgrößen. Es darf aber nicht übersehen werden, dass nicht für alle die Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt ein sinnvolles und realistisches Ziel darstellt. Wenn eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt unrealistisch erscheint, sind andere arbeitsähnliche Tätigkeiten wie zum Beispiel in Zuverdienstfirmen sinnvolle Alternativen. Ricarda Bittner, Petra Gabler und Lea Ricken, Ergotherapeutinnen am Landesklinikum, referierten über die Grundarbeitsfähigkeiten und deren Erfassung sowie das Training der Arbeitskompetenz in der Ergotherapie. Unter dem Begriff Arbeitsfähigkeiten sind verschiedene Fertigkeiten zusammengefasst, die nötig sind, um zu arbeiten und je nach Arbeit und Beruf mehr oder weniger gefordert werden. Sie werden allerdings nicht ausschließlich im Erwerbsleben benötigt, sondern sind vielmehr für jede Handlung im Alltag erforderlich. Der Arbeitsfähigkeitenkreis von C. Haerlin nimmt eine Gliederung in 5 Bereiche vor. Neben den elementaren (z.B. Problemlösen, Arbeitsplanung) und speziellen Fähigkeiten (z.B. handwerklich-technisches Verständnis) zählen auch soziale (z.B. Bedürfnisse äußern, Entscheidungsfähigkeit) und emotionale (z.B. Eigeninitiative, Frustrationstoleranz) sowie intrapersonelle Fertigkeiten (z.B. Selbsteinschätzung, Selbstbild) zu den Grundarbeitsfähigkeiten. Aufbauend auf eine differenzierte Befundung bietet die Ergotherapie therapeutische Maßnahmen zum gezielten Training an, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten oder wiederzuerlangen. Bei den elementaren und den speziellen Fähigkeiten kommen vor allem die kompetenzzentrierte Methode mit ausgewählten handwerklichen Techniken (z.B. Buchbinden, Arbeiten mit Speckstein…) und Übungen aus dem lebenspraktischen Bereich (Alltagstraining) zum Einsatz. Die Förderung der emotionalen Fähigkeiten gelingt in der ausdruckzentrierten Methode, wo ein Therapiemittel in kreativ-gestalterischer Weise verwendet wird und so als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel dient (z.B. freies, großflächiges Malen). Beim kompetenzzentrierten Arbeiten bekommen die Reflexionsgespräche mit gezieltem handlungsbezogenem Feedback besondere Bedeutung. Im Rahmen der wahrnehmungszentrierten Methode (Genussgruppe, körperzentriertes Gestalten, Arbeiten mit verschiedenen Bildkarten...) können Fähigkeiten aus dem Bereich des Selbstbildnisses gefördert werden. Das Übernehmen von Verantwortung für das eigene Handeln kann im geschützten Rahmen der interaktionellen Gruppe (Projektgruppe, soziales Kompetenztraining...) erprobt werden. Die Auseinandersetzung in der Gruppe und das Miteinander bilden die Basis für das Training der sozialen Fähigkeiten. Aus diesem Gesichtspunkt wird die interaktionelle Methode in Form von Rollenspielen, Projektarbeiten (Zeitung), sozialem Kompetenztraining und der Gartengruppe eingesetzt. Nach der Kaffeepause stellten Renate Grasl und Mag. Patricia Auer psychosoziale Einrichtungen der Caritas der Diözese St. Pölten vor: Seit 16 Jahren führt die Caritas der Diözese St. Pölten Einrichtungen zur beruflichen Integration, die aus Mitteln des Bundessozialamts NÖ, des Landes NÖ und des Arbeitsmarktservices NÖ gefördert werden. Die Beratungsdienste umfassen Arbeitsassistenz, Rehawerkstatt, Jobcoaching, Clearing und Berufsausbildungs-Assistenz; zu den Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen zählen die BBO = Beschäftigung und Berufsorientierung, VIP - Verkauf, Information, Produkte sowie die Caritas Heime Schiltern. Für mehr Information kann auch auf den Internetseiten von www.caritas-stpoelten.at sowie www.beruflicheintegration.at nachgelesen werden. Mag. Lucia Puchberger informierte über die Tagesheimstätten der ARGE Sozialdienst Mostviertel, als deren Zielgruppe erwachsene Personen mit psychischen Erkrankungen gelten, die nicht mehr oder noch nicht wieder arbeitsfähig sind und auch in der Gestaltung des Alltags und der sozialen Kontakte Einschränkungen haben. In der Betreuungsarbeit ist zwischen einer Rehabilitation im engeren Sinn (berufliche und soziale Wiedereingliederung) und einer Rehabilitation im weiteren Sinn (Stabilisierung und Verbesserung der Gesamtbefindlichkeit) zu unterscheiden. Es zeigt sich, dass nach Neuaufnahmen zunächst dem sozio-emotionalen Bereich besondere Bedeutung zukommen muss und der instrumentelle Bereich erst im Lauf der Zeit an Bedeutung gewinnt. Für das hervorragende Mittagsbuffet sei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Küchenteams am Landesklinikum Mauer an dieser Stelle noch einmal Anerkennung und Dank ausgesprochen. Am Nachmittag gab es beim „Weltcafe“, moderiert von DSA Maria Scholz, für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Gelegenheit, die in den Vorträgen behandelten Themen noch zu vertiefen, Fragen an die Referentinnen und Referenten zu stellen und Gespräche mit Vernetzungspartnerinnen und Vernetzungspartnern aus zahlreichen Institutionen und Organisationen zu führen. Eine Aussage der Arbeitsmedizinerin Dr. Elsbeth Huber sei sinngemäß an dieser Stelle abschießend noch hervorzuheben: Es geht uns um unsere Patientinnen und Patienten, aber es geht auch um uns selbst. Selbst- und Fremdausbeutung muss gerade auch in den helfenden Berufen verhindert werden.








