< vorhergehender Beitrag

Neugierig auf alles Lebendige

Der Pathologe Prim. Priv.-Doz. DDr. Hermann Brustmann ist leidenschaftlicher Forscher und sieht die Tumorboards als ideales Lernfeld.


Er ist Naturwissenschafter durch und durch, leidenschaftlicher Forscher, begeisterter Beobachter und immer Lernender: Prim. Priv.-Doz. DDr. Hermann Brustmann, Leiter der Klinischen Pathologie im Landesklinikum Baden-Mödling. Mit 28 Jahren kam er als junger Mediziner ans damals Allgemeine Öffentliche Krankenhaus in Mödling – und blieb. Heute, knapp 30 Jahre später, ist er ein angesehener Pathologe in Österreich.

Seit 1994 publiziert er regelmäßig seine wissenschaftlichen Arbeiten in maßgeblichen Top-Journalen – und bezeichnet diese Leistungen, die er in seiner Freizeit erbringt, als „eine Methode der Qualitätssicherung“ für seine eigene Abteilung. Was bei den Studienautoren unter den Ärzten besonders hoch im Kurs steht: Internationale Journale fragen Brustmann um seine Meinung, wenn es gilt, Texte von Kolleginnen und Kollegen zu bewerten, bevor sie publiziert werden.

Exaktes Aufarbeiten & Befunden

Das Befunden von histologischen Proben und Abstrichen ist eine seiner Hauptaufgaben. Biopsien der Brust bei Verdacht auf Krebs, Gewebsproben aus Magen und Darm: Alles landet, nachdem es von einem perfekt organisierten Team gefärbt und in Schichten von einigen tausendstel Millimeter Dicke geschnitten wurde, unter dem Mikroskop des Pathologen. Das fertige Präparat muss rasch auf unterschiedliche Aspekte hin untersucht werden: Liegtentartetes Gewebe, also Krebs, vor? Welche Art von Krebs? Cytologische Befunde wie Abstriche des Gebärmutterhalses werden aufbereitet, Bakterien aus dem Stuhl, Harn, Speichel, Blut und Abstrichen gezüchtet, um sie und eventuelle Resistenzen zu bestimmen. Und schließlich die Obduktion, das Nachschauen, woran ein Mensch wirklich verstorben ist – „das ist ein Teil der Qualitätskontrolle, wir sehen, ob bei der Behandlung ein Fehler passiert ist oder nicht. Das hilft uns als Klinikum, besser zu arbeiten.“

Schwerpunkt Krebs bei Frauen

Im Schnitt 250 Prostata-Karzinome und 130 neue Brustkrebsfälle pro Jahr diagnostizieren und behandeln die Ärztinnen und Ärzte im Landesklinikum Baden-Mödling. All diese Patientinnen und Patienten sind angewiesen auf eine genaue Expertise von Brustmann und seinen drei Oberärzten sowie den Fachkräften in seiner Abteilung. Nur die genaue Bestimmung der biologischen Fakten dieser jeweils einmaligen Krebserkrankung sichert dem Patienten die wirksamste Behandlung. Brustmann hat sich auf gynäkologische Krebserkrankungen spezialisiert und gilt international als Experte. Er ist in das Tumorboard im Landesklinikum Baden-Mödling eingebunden – und sieht diese interdisziplinäre Ärzte-Konferenz, als enorm hilfreiches Trainingsfeld für alle Beteiligten: „Wir lernen sehr viel voneinander, sehen, was möglich ist, kommen auch durch das Gespräch zu neuen Ansätzen und finden so zur optimalen Behandlung des jeweiligen Patienten.“

Die Tumorboards seien eine Aufwertung für sein Fach, weil die Pathologen so in den Dialog mit den behandelnden Ärzten kommen. „Bisher habe ich einfach nur befundet. Jetzt höre ich etwas über den Menschen – das verändert die Arbeit, gibt ihr eine andere Dimension. Und es ist wichtig und spannend, gemeinsam zu beraten, wie weit wir in Sondersituationen gehen und welchen Weg wir nehmen.“ Manchmal ist die Pathologie wahre Detektivarbeit. So berichtet er zufrieden von einem winzigen Tumor in einem Darm, der nur gefunden wurde, weil man wusste, dass er da sein muss – schließlich hatte er schon Krebszellen gestreut.

Immun-Profile von Tumoren zu erstellen werde immer wichtiger. Besonders wichtig ist für den Spezialisten, standardisierte Arbeitsabläufe zu haben, die reproduzierbare und sichere Ergebnisse liefern. Die elektronische Bearbeitung möglichst vieler Arbeitsschritte gebe Sicherheit für die Patienten und Ärzte. „Interpretieren muss die Ergebnisse ja sowieso ein Experte.“ Brustmann setzt für sich selbst ebenso wie für sein Team auf Fortbildung, denn „die Richtlinien sind in unserem Fach ja geradezu lebendig, ändern sich schnell.“

Die Schönheit des Lebens

Die Morphologie, die Lehre von der Struktur und Form der Organismen, hatte es Brustmann immer schon angetan. Man müsse wissen, wie sich Zellen verhalten, um zum Beispiel Krebs verstehen zu können. Brustmann schaut sich gern die Schnittbilder an, die sein tägliches Brot sind. Denn es gebe auch wunderbare Formen zu beobachten. Und es sei spannend, die morphologischen Strukturen zu erfassen. Medizin begreift er als biologische Naturwissenschaft und sieht sich selbst als Darwinist, „um das Leben zu verstehen“. Der Tod sei Teil des Lebens: „Wenn ich nicht gehe, schaffe ich keinen Platz für andere.“ In der Biologie gehöre alles sinnvoll zusammen. Für ihn gehe das bis zu ihm als Person, helfe ihm dabei, seinem Leben Sinn zu geben. Brustmann ist gläubiger Katholik. „Ich gehe gern in die Kirche“, sagt er, überlegte, Priester zu werden. Mit der katholischen Kirche spüre er trotzdem innere Konflikte, aber er sei durch und durch gläubig. Und interessiert daran, den Konnex zum Evangelischen, zum Judentum zu schaffen, und ebenso Muslime in ihrem Glauben zu begreifen.

Kämpfer & Kampfsport-Fan

Entspannung verschafft sich der Familienmensch durch Sport. Asiatischer Nahkampf war lange sein Metier, er hat den 5. Dan in Karate. „Ich habe sehr viel gemacht, aber jetzt sind Schultern und Knie kaputt und ich mache Karate nur als Workout.“ Dazu kommt Gewichtheben und zweimal pro Woche Hanteltraining. „Ich muss den eigenen Körper spüren. Konsequente Bewegungen sind mir wichtig.“ Schon vor dem Dienst dreht er die erste Runde mit seiner Boxerhündin. Er liebt die großen Hunde, Bulldogen, Bernhardiner, hat nichts gegen sabbernde Vierbeiner. „Ohne Hund kein Leben“, sagt er, in seinem Büro sind die Lieblinge auf Fotos verewigt.

Eine American Bulldogge hat er einmal extra aus Oklahoma importiert, auf einem Foto sieht man den Riesenhund kuschelnd mit zwei kleinen Kindern – die beiden sind heute 20 und 26. Mitten in der Nacht, nach einem harten Tag eine Runde mit Hund durch den Rodauner Wald bei Kalksburg bei Wien zu marschieren „tut wahnsinnig gut“, sagt der erfahrene Hundehalter, der als erstes Studium Biologie absolviert hat, ebenso ein paar Semester an der Veterinärmedizinischen Uni. Sein Lebenstraum sei eine Bordeaux- Dogge, erzählt er. Auch Brustmanns zweites Hobby hängt mit der Zoologie zusammen: Ihn interessieren die Lungenatmer unter den Fischen, sein Spezialgebiet sind die Übergangszonen zwischen Wasser und Land, über die hat er seine Dissertation geschrieben. Heute noch hält er Lungenfische in seinen Aquarien im Keller.

Grundlagenforschung in Kliniken

Genauso begeistert wie über Hunde, lungenatmende Fische und Kampfsport spricht der erste extramural habilitierte Pathologe über sein Fach. Und setzt auch für die Zukunft auf Forschung, damit ließe sich auch der Nachwuchs ködern. „Wir brauchen an meinem Institut kein Forschungszentrum, aber wir brauchen Grundlagenforschung zur Qualitätssicherung, und dabei können wir auch auf unsere eigenen Ressourcen schauen. Forschung tut den Kliniken gut!“

In Zukunft werde sich sein Fach mehr in Richtung klinisch-wissenschaftliche Pathologie entwickeln. Das sei in den USA bereits zu beobachten. Und die Zusammenarbeit unter den medizinischen Fachrichtungen werde wachsen – wachsen müssen: „Wir brauchen das, unsere Sachen aus einem anderen Blickwinkel zu sehen – ganzheitlich.“ Womit wir wieder beim Thema Tumorboard wären: „Die Relevanz unseres Faches ist sehr gestiegen, weil wir da dabei sind.“ Gut so, schließlich sind Pathologen einfach unverzichtbar in den Landeskliniken.