Palliativ-Versorgung entwickelt sich gut
In den NÖ Landeskliniken wächst die Zahl der Palliativbetten und -stationen. Palliativarbeit gelingt nur im Team – und funktioniert am besten gemeinsam mit mobilen und stationären externen Teams.

Im Dialog.

Die ehemalige Landesrätin und Landeshauptmann-Stellvertreterin Liese Prokop (+ 31.12.2006) gilt als Mutter der Palliativ-Versorgung in Niederösterreich. Sie kämpfte bereits vor 20 Jahren vehement dafür und initiierte die ersten ehrenamtlichen Hospiz- Teams. Damals gab es noch keine Angebote. Heute ist die flächendeckende Versorgung mit Teams aus professionellen Fachkräften und vielen Ehrenamtlichen erreicht.

HR Dr. Otto Huber

Roman Gaal, MSc, MAS

Christiane Krainz

Mag. Dr. Ursula Heck

Dr. Elisabeth Atzmüller

Pflegedirektorin DGKS Christa Grosz, MBA

Dr. Robert Griessner

Die 23 Teilnehmende aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, die den 7. interdisziplinären Universitätslehrgang für Palliative Care in der Pädiatrie im LK Mödling erfolgreich abgeschlossen haben.

Menschen am Lebensende gut zu begleiten, und ebenso ihre Angehörigen, ist die Kernaufgabe der Palliativ- und Hospizarbeit. Als vor über 20 Jahren die Hospiz-Bewegung von England auch in Österreich ankam, wurde sie zu Beginn erst langsam und teilweise mit großer Skepsis und oft auch verbunden mit Vorurteilen und Ängsten wahrgenommen. Wer in Krankenhäusern und Altersheimen arbeitete, wusste aber, wie dringend es ist, anders mit dem Sterben umzugehen, als es im immer rationeller werdenden Gesundheitssystem nach dem 2. Weltkrieg so üblich war, denn schließlich gehört das Sterben zum Leben dazu.
Früher wusste man das, früher starben viele Menschen zu Hause, in der vertrauten Umgebung und im Kreis von Angehörigen und Freunden. Heute wächst die Zahl der Menschen, denen wieder dieser unaufgeregte, ruhige Abschied ermöglicht wird, und dazu ist eine gute Palliativ- und Hospiz-Versorgung nötig. Die Palliativ- Versorgung ist auch in den NÖ Landeskliniken Teil des Tagesgeschäfts – und damit Grund genug für ein „Im Dialog“, zu dem GESUND&LEBEN INTERN Vertreterinnen und Vertreter aus den Landeskliniken, der Holding- Zentrale und dem extramuralen Bereich einlud.
Lebensqualität ist Teamarbeit
Palliativ-Versorgung heißt, Schmerzen und andere Nebenwirkungen vor allem der Krebserkrankungen und -behandlungen der Patientinnen und Patienten zu lindern und ihnen in den letzten Lebenswochen und -tagen noch möglichst viel Lebensqualität zu geben – nach dem Motto: „Wenn nichts mehr zu machen ist, ist noch viel zu tun.“ Denn damit schenkt man den Betroffenen und ihren Angehörigen Zeit, das Leben gut abzuschließen, manches zu erledigen oder auch noch zu erleben und nicht unnötig zu leiden. Dabei geht es in der medizinischen und pflegerischen Versorgung um viel spezielles Wissen und Know-how sowie um Teamarbeit, auch gemeinsam mit Sozialarbeitern, Seelsorgern, Psychologen und anderen Berufsgruppen. Heute gelten Palliativteams generell als herausragende Beispiele für gut gelebte Interdisziplinarität und auch als Beispiele, wie die intra- und extramurale Zusammenarbeit über Klinik- und Pflegeheim- Mauern gelingen kann.
Erfolgsgeschichte läuft
Vor 20 Jahren entwickelte sich auch in Niederösterreich eine Palliativ- und Hospizbewegung mit zu Beginn vor allem vielen Ehrenamtlichen, und ihr Motor war die damalige Sozial-Landesrätin und Landeshauptmann-Stellvertreterin Liese Prokop. Nennt man im Kreis von Palliativ-Fachleuten ihren Namen, bekommen die meisten leuchtende Augen, so viel sei der damaligen Politikerin in diesem Zusammenhang zu verdanken. Vor 20 Jahren entstanden durch verschiedene Initiativen die ersten mobilen Hospizteams, zum Beispiel in Baden, Mödling und St. Pölten. 1998 gab es das erste stationäre Hospiz in Niederösterreich im Landespflegeheim Melk, 2012 entstand bereits das siebente im Pflegeheim Mödling.
Ausbau geht weiter
Einen besonderen Schub bekam die Hospiz- und Palliativbewegung 2005/06 durch den Einsatz von Franz Palkovits, Abteilungsleiter im NÖ Gesundheits- und Sozialfonds NÖGUS, als die flächendeckende Versorgung Ziel eines Reformpoolprojektes des NÖGUS gemeinsam mit den NÖ Krankenversicherungsträgern wurde. In diesen Projekten sollten die Systemgrenzen zwischen Kliniken und niedergelassenen Anbietern überwunden werden und die Flächendeckung bis 2013 erreicht werden. Das ist heute erreicht, der Ausbau aber noch nicht abgeschlossen. Neben weiteren Palliativstationen in den Landeskliniken geht es derzeit um zusätzliche Versorgungsangebote wie Tageshospize sowie um die Aufnahme von weiteren Krankheitsbildern neben Krebs in die palliative Regelversorgung – z. B. Lungenerkrankungen wie COPD oder neurologische Erkrankungen. Schließlich gilt eine gute Palliativ- Versorgung als bestes Gegenmittel, um das Thema Sterbehilfe unnötig zu machen.
HR Dr. Otto Huber, Amt der NÖ Landesregierung, zuständig für den gesamten Pflegebereich:
„Die Palliativ-Versorgung in Niederösterreich hat sich sehr gut entwickelt. Liese Prokop war zu Beginn in den 90er-Jahren der Motor dafür. Vom Palliativkonzept 2005/06 bis 2013 haben wir schon im Jahr 2012 bei den von der Sozialhilfe unterstützten Bereichen (mobile Hospizteams, mobile Palliativteams und stationäre Hospize) den Ausbauplan zu 100 Prozent umgesetzt, im Krankenhausbereich liegen wir bei 83 Prozent. Besonders wichtig in der Palliativarbeit ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit – hier ist die Palliativarbeit ein Vorreiter, und ich würde mir wünschen, dass es in anderen Bereichen auch so gut klappen würde. Wichtig bleibt leider das Thema der Kosten. Wir wissen aus vielen Gesprächen mit Betroffenen und auch aus Untersuchungen, dass es natürlich den großen Wunsch gibt, gut begleitet und möglichst zu Hause zu sterben. Das setzt aber voraus, dass es ein engmaschiges Netz der Palliativ-Versorgung mit einer entsprechenden Wahlmöglichkeit gibt.
In finanzieller Hinsicht hat das Reformpoolprojekt nachgewiesen, dass durch das enger werdende Versorgungsnetz Kosten reduziert wurden durch eine Reduktion der Krankenhausbelegstage. Noch wichtiger ist aber das Mehr an Lebensqualität durch eine umfassende Begleitung. Erst vor kurzem konnten wir in einem Austausch mit Oberösterreich über die Hospizkonzepte feststellen, dass dort durch den geringeren Ausbaugrad der niederschwelligen Dienste wesentlich mehr Akutbetten in Palliativstationen vorgehalten werden. Ein aktuelles Projekt in den Pflegeheimen liegt mir am Herzen: In schon 17 Landesheimen läuft das Projekt ‚Hospizkultur und Palliative Care im PH‘, bei dem wir 75 Prozent unserer Mitarbeiter durch konkrete Weiterbildungen erreichen können, nicht nur in der Pflege, sondern auch in der Verwaltung, Reinigung und Küche. Da geht es um mehr Sicherheit im Umgang mit dem Tod und bringt damit mehr an Betreuungsqualität – ganz nach dem Motto der Hospizarbeit: Wo nichts mehr zu machen ist, gibt es noch viel zu tun.“
Roman Gaal, MSc, MAS , Bereichsleiter Kompetenzbereich Pflege und nicht ärztliche Gesundheitsberufe, Abteilung Medizinische und Pflegerische Betriebsunterstützung:
„Die Flächendeckung haben wir erreicht, aber nicht die 100-prozentige Bedarfsdeckung. Die wird uns im Weinviertel und in der Thermenregion erst gelingen, wenn die Bauvorhaben der dortigen Landeskliniken abgeschlossen sind. Derzeit haben wir in dieser Region keine Palliativstationen, aber wir kommen der Realisierung näher (Zeitplan: siehe Kasten Seite 9). Der Anfang der gesamten Palliativ- Versorgungsarbeit war geprägt von einer großen Unsicherheit, wir konnten den Bedarf noch nicht einschätzen. Wir dachten beim Start, dass in ganz Niederösterreich jährlich etwa 1.200 bis 1.400 Menschen betreut werden, aber es sind schon über 5.000 jährlich. Deshalb haben wir laufend nachgebessert, zum Beispiel ist in Schwechat ein Team entstanden, in Waidhofen/Ybbs haben die Johanniter eines etabliert. Die NÖ Landeskliniken-Holding hat auch die ersten Palliativbetten für Kinder und Jugendliche im LK Mödling. Jetzt sammeln wir intensiv Daten. Was für die Zusammenarbeit stationär und extramural wichtig ist: Wir testen gerade eine elektronische Dokumentation für die mobilen Teams, damit die Zusammenarbeit einfacher wird.“
Christiane Krainz, akademische Expertin für Palliative Care, Leiterin Basislehrgang Palliative Care, Projektbegleitung für Hospizkultur und Palliative Care in NÖ Pflegeheimen, war lange Zeit im LK Lilienfeld in der Palliativ- Versorgung, derzeit NÖGUS:
„Es hat sich wirklich unglaublich viel getan und die Akzeptanz für das Thema wächst. Die Teams draußen, in den Kliniken und Heimen arbeiten gut zusammen. Aber es gibt immer noch Stolpersteine. Als ich in Lilienfeld begonnen habe, musste ich oft die Patienten gegenüber den Ärzten verteidigen, damit nicht mehr alles gemacht wurde, was möglich ist. Was ich mir wünschen würde, ist, dass es zur Normalität wird, dass der Palliativ-Konsiliardienst der Landeskliniken in seiner Funktion als mobiler Palliativdienst auch Visiten, Beratungen und Begleitungen zu Hause macht, ohne dass immer wieder hinterfragt wird, warum diese Leistung nicht vom extramuralen Bereich erbracht wird. Wir brauchen einfach die Zusammenarbeit aller vorhandenen Kräfte über diese traditionellen Mauern hinweg. Und ich wünsche mir, dass jene Teams, die als zu klein gelten (und damit zu wenige Stunden haben nach den Anforderungen des ÖBIG), möglichst rasch aufgestockt werden.“
Mag. Dr. Ursula Heck, Leiterin des Palliativteams im LK Krems, arbeitet seit 1992 im Palliativbereich:
„Es ist wichtig, dass wir alle drei Säulen der Versorgung haben – die Stationen, die Konsiliardienste und die mobilen Dienste, denn das Ziel ist ja, dass die Patienten in guter Qualität zu Hause bleiben können. Das gelingt nur durch gute Nahtstellen-Arbeit mit den Hausärzten und der Hauskrankenpflege – aber oft fehlt bei vielen noch die spezialisierte Ausbildung. Das ist sehr wichtig in der Symptomkontrolle. Gerade in diesem Bereich hat sich unglaublich viel entwickelt in den 21 Jahren, seit ich im ersten Hospiz mitgearbeitet habe, in St. Raffael im 17. Bezirk in Wien. Damals hatten wir nur ein einziges Schmerzmittel! Jetzt haben wir wesentlich mehr und bessere Medikamente, wir können venös ernähren, auch zu Hause, und haben viele andere Möglichkeiten zu unterstützen bis zum Schluss. Wichtig ist, dass wir die Patienten möglichst früh betreuen, anfangs nicht so intensiv, aber schon parallel mit der onkologischen Behandlung. Und dass wir auch zum Beispiel Patienten mit Herzinsuffizienz betreuen, mit der Lungenerkrankung COPD und neurologischen Erkrankungen.“
Dr. Elisabeth Atzmüller, Ärztin im Palliativteam LK Hollabrunn, arbeitete von Anfang an im Tullner Rosenheim und anschließend sechs Jahre im niedergelassenen Bereich, nun seit vier Jahren im LK Hollabrunn:
„Mein Team und ich arbeiten stationär im Landesklinikum als Konsiliardienst und mobil als Palliativteam bei den Patienten zu Hause. Vom ehrenamtlichen mobilen Hospizteam werden wir in der psychosozialen Begleitung unterstützt. Die Erfahrungen meiner verschiedenen Arbeitsplätze kommen mir sehr zugute bei meiner jetzigen Arbeit im mobilen Konsiliardienst in Hollabrunn. Denn wir arbeiten eng mit den mobilen Hospizteams zusammen. Für unsere Patienten und ihre Angehörigen ist das wichtig, weil die Palliativstationen mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Weinviertel schwer zu erreichen sind. Ein wichtiges Thema sind für mich Kinder und Jugendliche als Angehörige. Zum Thema Palliativarbeit hatten wir im Landesklinikum gerade eine Fortbildung, und die ist enorm gut angenommen worden, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Bedarf spüren, auch in der Akutmedizin, und ebenso in der Geriatrie. Die Palliativ-Medizin ist die ‚kleine Schwester‘ der kurativen Medizin. Wichtig ist auch die Terminologie: Wenn wir die Betreuung von Patienten übernehmen, ist das kein Therapieabbruch, sondern das Umsteigen auf ein palliatives Therapiekonzept. Wir können immer noch viele kleine feine Dinge anbieten, die das Leben besser machen. Wichtig ist es mir, die Lebensfreude und -kraft hereinzuholen. Deshalb haben wir in Hollabrunn einen Palliativ-Gospelchor. Was schwierig ist: Das Sterben hält sich nicht an Arbeitszeiten. Da helfen manchmal auch nicht die Notfallpläne, wir bräuchten mehr Flexibilität.“
Pflegedirektorin DG KS Christa Grosz, MBA , akad. Sozialmanagerin, LK Hochegg; entwickelt gerade eine Palliativstation, die 2014/15 in Betrieb gehen soll:
„Bei uns ist der Palliativ- Gedanke schon lange gewachsen, ebenso die intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit. Ich habe früher auf einer Orthopädie-Unfall-Station gearbeitet und dabei ist es mir so klar geworden: Für das Sterben gibt es nur eine einzige Chance, und die müssen und dürfen wir für die Begleitung des Sterbeprozesses nutzen und die Lebensqualität erhöhen, wo es geht. Und wir müssen uns genauso um die Angehörigen kümmern. Diese Verantwortung für das Mitgestalten ist der Leitgedanke für uns als Team. In den letzten Jahren werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter laufend im Palliativ-Bereich ausgebildet. Für 2014/15 sind sechs Palliativbetten geplant.“
Dr. Robert Griessner, Medizinischer Geschäftsführer:
„Die Palliativ-Versorgung ist für mich ein echtes Erfolgsprojekt – für die Patienten, die Mitarbeiter und die Organisation. Sie ist ein wichtiger Vorreiter in vielerlei Hinsicht, etwa beim Thema Teambildung. Die intensive Zusammenarbeit gelingt hier leichter durch den ganz anderen Zugang. Genauso ist es mit der Zusammenarbeit zwischen intraund extramuralen Kräften, hier ist die Trennung in vielen Bereichen der Palliativarbeit schon aus den Köpfen verschwunden – so sollte es auch in anderen Bereichen unserer Arbeit sein. Ich hoffe ja noch immer auf die Finanzierung aus einer Hand. Genauso wichtig ist die Grundhaltung zur Medizin: Wir sehen vor allem die Reparaturmedizin, aber das Leben ist mehr als Gelenke und Linsen austauschen. Wir können von der Palliativmedizin etwas über Entschleunigung lernen und uns in den normalen Alltag hereinholen. Und es ist enorm wichtig, dass wir lernen, dass nichts getan wird, was keinen Nutzen für den Patienten hat.“
INFOBOX
Palliative Care in der Pädiatrie
23 Teilnehmende aus Österreich, Deutschland und der Schweiz schlossen den 7. interdisziplinären Universitätslehrgang für Palliative Care in der Pädiatrie im LK Mödling erfolgreich ab. Das LK Mödling leistet mit dem Lehrgang seit Jahren Pioniersarbeit und beherbergt bis heute den österreichweit einzigen Lehrgang für Palliative Care in der Pädiatrie. Ebenso einzigartig sind auch die Lehrgangsinhalte: Die sechs Ausbildungsblöcke decken medizinische und pflegerische Aspekte ebenso ab wie psychosoziale und spirituelle Facetten.





